Mittwoch, 2. Dezember 2009

GESELLSCHAFT UND RISIKO II

Ich fragte in meinem letzten Beitrag als Abschlußstatement zur Ungleichheit durch Risikoverteilung "Business as usual?", und wurde von einem aufmerksamen Leser darauf hingewiesen, dass ich offenkundig auch schon "ökonomisch überlagert" bin - danke dafür Christian :-)

Wenn wir uns Giddens' Risikoprofil aber mal genauer ansehen, so ist dieses ebenfalls sehr ökonomielastig, und bestätigt mich mE. in meiner Grundthese der gesellschaftlichen Strukturbildung durch Überlagerung ökonomischer Rationalitäten: Zumindest drei, wenn nicht sogar vier von sechs Punkten des zuvor dargestellten Profils sind entweder durch die Anwendung ökonomischer Rationalität enstanden, werden durch diese verstärkt, oder sind überhaupt nur in diesem Kontext sinnvoll fassbar. Am deutlichsten kommt dies bei Risken aus der Vergesellschaftung der Natur und bei institutionalisierten Rsikioumwelten zum Vorschein: Gewiss, Vergesellschaftung der Natur, also das Nutzbarmachen von Natur für den Menschen, hat es in jeder Gesellschaft und in immer weiter zunehmenden Ausmaß gegeben. Ich behaupte jedoch, dass das übermässige Ausbeuten natürlicher Ressourcen, bzw. das Umgestalten der Natur zur Nutzung als Produktionsstätte oder Ressourcenquelle, in einem so hohen Maße, dass die ursprüngliche Funktion für das Ökosystem nicht mehr geleistet werden kann, nur unter ökonomischer Rationalität Sinn ergibt. Es lohnt sich hier ein kleiner Ausflug zu Harold Hotelling, einem Ökonomen des frühen 20. Jhdts., der mit seinem Effizienzmodel für den Bergbau durchaus einen Grundstein für die Umweltökonomie der 70er und 80er Jahre legte.

Seine Theorie ist im Grunde allgemein auf die Optimierung der Nutzung natürlicher Ressourcen anwendbar, und besagt im Kern, dass es bei enstprechend hohen Zinsen und Anlageformen dann vernünftig (rational) ist ein Ressource vollständig auszubeuten, wenn das betreffende Ökosystem einen Strom von Leistungen je Zeiteinheit erzeugt, dessen Wert kleiner als der Zinssatz in anderen Anlageformen ist (vlg. hierzu kritisch Costanza et al. 2001: Einführung in die Ökologische Ökonomik, Stuttgart). Wenn man zu diesen Betrachtungen die Finanziarisierung (das meint die zunehmende Zentrierung der Ökonomie auf die Finanzwelt) von postmodernen Gesellschaften als auf hohem Niveau wachsende Variable hinzufügt, erhält man ein Setting in dem die nachhaltige Nutzung ökologischer Ressourcen keine sinnvolle Entscheidung darstellt - dies würde, nach Hotellings Model, einen niedrigen Zinssatz von Anlageformen benötigen, in finanzzentrierten Ökonomien muss der Zinsssatz von (vor allem neuen, derivativen) Anlageformen allerdings stetig steigen, oder zumindest ein stetiges verhältnismäßig hohes Niveau aufweisen, um überhaupt attraktiv zu sein. Rein theoretisch ist mit der Wirtschaftskrise, und dem daraus resultierenden niedrigen Zinsniveau diese eine Voraussetzung "geschaffen" worden, in Krisenzeiten gelten allerdings andere Gesetzmäßigkeiten, die der nachhaltigen Ökonomie generell entgegenwirken (Stichwort: kurzfristige Kostenreduktion), sodass ein Anreiz zu nachhaltiger Nutzung ökologischer Ressourcen erst dann gegeben wäre, wenn das Zinsniveau im Aufschwung niedrig bleibt. Steigende Zinsen im Wirtschaftsaufschwung gehören allerdings zu jenen Mechanismen finanziarisierter Ökonomien, die den Aufschwung beschleunigen (und teilweise erst ermöglichen) - ein solches Szenario ist daher unwahrscheinlich, sodass ich nicht erwarte, dass sich Risiken aus der Vergsellschaftung der Natur verringern werden, sondern es ist eher mit einer Zunahme derselben zu rechnen.

Mein kleiner Ausflug zu Hotelling und daraus resultiernd zu finanziarisierten Ökonomien hat mich auch gleich zur zweiten oben angesprochenen Ausprägung von Giddens' Risikoprofil gebracht: Institutionalisierte Risikoumwelten. Das Finanzsystem postmoderner Ökonomien ist nämlich eine solche. Das Wesen dieser Umwelten ist, dass sie nicht nur teilweise extreme Risken produzieren, sondern, dass durch die Institutionalisierung diese fester Systembestandteil werden, sodass die Risken nicht vermieden werden können,ohne die Funktion des Teilsystems dadurch zu terminieren. Ein zweiter Aspekt der Institutionalisierung ist, dass diesen Risikoumwelten, mit Luhmann, "Systemvertrauen" entgegengebracht wird. Die Kontrolle von Systemvertrauen erfordert jedoch in zunehmendem Maße Fachwissen, sodass sie vom Einzelnen nicht mehr geleistet werden kann (vgl. Luhmann, Niklas 2009/1968: Vertrauen, Stuttgart; zur Kontrolle von Systemvertrauen im Speziellen S. 77). Versagen nun die internen Kontrollmechanismen, ist es möglich, dass ein sehr hohes Risiko schlagend wird, sich der Hergang im Nachhinein problemlos rekonstruieren lässt, und trotzdem niemand etwas dagegen tun konnte, weil auf das System und dessen interne Kontrollmechanismen vertraut werden musste. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

Die Globalisierung von Risken, sowie die zunehmende Zahl kontingenter Ereignisse, die man mE. auch gemeinsam als eine Ausprägung begreifen könnte, sind ebenfalls emergente Momente ökonomischer Rationalität, denn warum findet die Globalisierung per se statt?

Es stellt sich die Frage, ob die Chancen für die Gesellschaft, die Giddens, aber auch beispielsweise Ulrich Beck, durch diese postmodernen Risken, präziser durch eine Gesellschaft, die diese bewältigen oder zumindest verarbeiten kann, unter dem Gesichtspunkt ökonomischer Überlagerung realisiert werden können.