Ich habe mein letztes Posting mit der Idee der Wiedereinführung von Risiko in die Gesellschaft geschlossen. Diese Idee des Risikos als zentrales Gesellschaftselement ist natürlich nicht unbedingt neu. Anthony Giddens beispielsweise ist der Auffassung, dass sich die postmoderne Gesellschaft von der modernen maßgeblich durch ihr verändertes Risikoprofil unterscheidet (sein Weg dorthin führt allerdings weniger über die Überlagerung ökonomischer Rationalitäten, als über die "Radikalisierung der Moderne" und der dadurch dramatischen Veränderung von Institutionen (deren eine allerdings der Kapitalismus ist), sowie der Globalisierung und Eigendynamik dieser Elemente - er gebraucht den Ausdruck des Juggernauts - hin zu einem neuen Ungleichheitsprofil, dessen Kernelement verändertes Risiko darstellt, und dem mit einer "radikalen Politik" beizukommen wäre). Die Elemente dieses Risikoprofils sind
(a) die Globalisierung von Risken
(b) die zunehmende Zahl kontingenter Ereignisse
(c) Risken aus der Vergesellschaftung von Natur
(d) Institutionalisierte Risikoumwelten
(e) Risikobewusstsein und Verbreitung desselben
(f) Bewusstsein der Grenzen des Expertenwissens.
Giddens meint weiter, dass eine ganz bestimmte Gesellschaft notwendig ist, um dieses Risikoprofil hervorzubringen, und zwar eine, "die aktiv danach strebt, mit ihrer Vergangenheit zu brechen" (Giddens, A. (2001): Entfesselte Welt. Wie die Globalisierung unser Leben verändert. Frankfurt aM., S.35), und hier denke ich, hat er unrecht, bzw. durch seinen eigenen Status und seine beratende Tätigkeit (er war einige Zeit Berater Tony Blairs in Sozialfragen - zum Umfang seines Erfolgs siehe das britische Sozial- und Gesundheitssystem) ein romatisiertes Bild von Gesellschaft, das vielleicht in der britischen oberen Mittelschicht zutreffen mag, vor Augen.
Die Überlagerung ökonomischer Rationalitäten in elementare und strukturbildende Elemente der Gesellschaft ist für viele Menschen bittere, schmerzliche Realität, ohne jede aktive Wahlmöglichkeit oder auch nur einem ansatzweisen Verständnis der Vorgänge. Diese Menschen wollen nicht mit ihrer Vergangenheit brechen, sie wollen möglichst das nächste Jahr überstehen, ohne dass sich ihre Lebenssituation maßgeblich verändert, weil sie mit Veränderung seit vielen Jahren ohnehin nur (ökonomische) Verschlechterung assoziieren. Bei ihnen weckt der allgegenwärtige Wettbewerb und der Entscheidungsdruck (auch der, welches Risiko einzugehen ist,und welches nicht) keineswegs die Lust an "dialogischer Demokratie", sondern resultiert in Abschottung, Innovationsfeindlichkeit und Nationalismus. Dennoch betrifft das von Giddens skizzierte Risikoprofil alle von uns. Jedoch ist nicht allen der selbe Reaktionsradius gegenüber diesen Risken möglich, sodass sich einmal mehr (alte) Ungleichheitsstrukturen reproduzieren. Business as usual?
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