Montag, 16. Februar 2009

BETRACHTUNGEN ZUM THEMA RISIKO

Ich habe in einem meiner vergangenen Postings bereits darüber geschrieben, dass mir in den letzten Jahren verstärkt auffällt, dass vielerorts Unternehmerrisiko zunehmend auf (unselbstständige) Mitarbeiter(innen) abgewälzt wird. Dies ist mE. überwiegend auf die immer stärker werdende Tendenz zur gesellschaftlichen (wirtschaftlichen) Individualisierung und damit einhergehend einer völligen Neuausrichtung des Gerechtgkeitsempfindens zurückzuführen (Ungleichheit hat es noch in jeder Gesellschaft gegeben, neu ist die gesellschaftliche Akzeptanz massiver Ungleichheit basierend auf dem Irrglauben der vollständig individuellen Verantwortung für das Setzen, Planen und Erreichen oder Nichterreichen von Zielen). Jeder ist sein eigener Unternehmer, ihre eigene Unternehmerin, zumindest ist es gerecht und legitim von Menschen zu verlangen, sich wie solche zu verhalten.

So kommt es, dass es völlig normal anmutet, wenn von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verlangt wird "Verantwortung für die Zielplanung zu übernehmen", "am Erfolg und Misserfolg des Unternehmens teilzuhaben", oder "die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben nicht so eng zu sehen". Bloß, das ist nicht der Deal.

Betrachten wir einmal, warum Unternehmen (vor allem im Dienst-
leistungsgewerbe) überhaupt entstehen, warum es Unternehmer(innen) und Arbeitnehmer(innen) gibt, und lassen wir dabei in Ideologien eingebettete Ansätze wie Marx (auch wenn gerade dieser, mit ein wenig Kreativität und Abstraktionsvermögen betrachtet, durchaus Erklärungskraft beanspruchen kann) ausser Acht.

Der Kernpunkt liegt nämlich meinem Erachten nach im Risiko, besser noch einen Schritt davor, in der Unsicherheit. Diese beiden Begriffe werden oft synonym verwendet, was schon den ersten schweren Fehler darstellt: Das Risiko ist nach ISO 14971 als "die Kombination der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Schadens und des zugehörigen Schadensausmaßes" definiert. Um Risiko definieren (und übernehmen) zu können, muß ich also über Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß bescheid wissen. Demgegenüber steht die Unsicherheit, das Nichtwissen (J.M.Keynes:"... we simply do not know."), das die Ökonomie, Politik und Soziologie seit Anbeginn der Zeit beschäftigt.

Ohne diese Unsicherheit ist es äusserst unwahrscheinlich, dass Firmen überhaupt enstehen würden. Ronald Coase unterstrich dies in seinem wegweisenden Aufsatz "The Nature Of The Firm" (1988/1937) in dem er schrieb: "It seems improbable that a firm would emerge without the existence of uncertainty" (S.40). Denn, Absorption von Unsicherheit, vor allem im langfristigen Dienstleistungsgewerbe, ist die Hauptaufgabe von Firmen aus der Sicht des Arbeitnehmers, der Arbeitnehmerin, im Gegenzug dazu bekommt der Unternehmer, die Unternehmerin (maßgeblich) die Ressource "Arbeitszeit" und sämtliche (auch geistigen) Ergebnisse, die in dieser Zeit erarbeitet werden. Das ist jetzt ziemlich verkürzt, ich möchte hier jedoch nicht die (hauptsächlich auf Coase aufbauende) Transaktionskostenrechnung erörtern, sondern auf den, wie es mir scheint, entscheidenden Punkt der Vereinbarung zwischen Arbeitnehmer(in) und Unternehmer(in) hinweisen, auf dessen Basis Firmen funktionier(t)en:

Der Arbeitnehmer, die Arbeitnehmerin stellt seine oder ihre Zeit und den Verzicht auf die Rechte an den Früchten seiner oder ihrer in dieser definierten Zeit vollbrachten Arbeit zur Verfügung. Der Unternehmer, die Unternehmerin absorbiert Unsicherheit und Entscheidungen, vor allem jene, was zu tun ist, und wie, denn "With uncertainty present doing things, the actual execution of activity becomes in a real sense a secondary part of life: the primary problem or function is deciding what to do and how to do it."(Coase, 1988/37, S. 49).

Der Unternehmer, die Unternehmerin trifft die Annahmen, die es ermöglichen, aus Unsicherheit Risiko zu destillieren und entscheidet dann, ob dieses eingegangen wird, oder nicht. Das ist sein/ihr Job, seine/ihre Seite der Vereinbarung! Arbeitsverträge, Arbeitsrecht, Strukturen von Unternehmen, all das basiert hierauf. Es mag Gründe geben, diese Vereinbarung zu überdenken (meinem Erachten nach gibt es die), aber dann muss genau an dieser Basis angesetzt werden. Ein "Weiterreichen" des Unternehmerrisikos (die Konsequenzen aus dem, was, wie getan wird) ist ohne diesen rigorosen Schritt zu tun, unzulässig.