Sonntag, 16. November 2008

CSR UNGLEICH UNTERNEHMENSETHIK?

Als ich unlängst den "Standard" aufschlage, überrascht mich positiv eine Sonderbeilage über Corporate Social Responsibility (Der Standard, 20081113, S. C1 ff.). Als ich mir die ca. 10 Artikel durchgelesen habe, ist mir auch klar, warum diese in einer Sonderbeilage zusammengefasst sind: Die thematische Verbundenheit wäre ansonsten wohl schwer aufgefallen, so unterschiedlich sind die Aktionen, die unter den drei Buchstaben CSR subsumiert werden. Besonders die Übersetzung ins Deutsche als "Nachhaltigkeit" und das hierzulande damit verbundene 3-Säulen-Modell (http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit_(Drei-Säulen-Modell) will mir nicht so recht gefallen.

Corporate Social Responsibility ist mE. wortwörtlich zu übersetzen, es ist die soziale Verantwortung von Unternehme(r)n, und somit nichts Anderes als Unternehmensethik! Das Nachhaltigkeitskonzept, in dem zur sozialen noch eine ökonomische und eine ökologische Ebene hinzugefügt wird, ist eine unsinnige Erweiterung des grundsätzlichen Themas Ethik um Bereiche, die im Grunde daraus ableitbar sind. Es suggeriert eine Operationalisierbarkeit die nicht vorhanden ist, und erweckt die Vorstellung, dass sich die einzelnen Bereiche unabhängig voneinander realisieren lassen, mehr noch, dass im Sinne von CSR gehandelt werden kann, ohne sich jemals mit seinem eigenen Ethos auseinandergesetzt zu haben (wie angenehm). Ethos ist als "die innere Moral des Menschen, seine Haltung und Einstellung zum ethischen Handeln" (Karmasin, M.; Litschka, M. (2008); Witschaftsethik - Theorien, Strategien, Trends. Berlin) zu definieren - nichts, das angegangen werden kann, ohne sich mit den gesellschaftlich vorhandenen Werten und Normen (deren Gesamtheit die Moral ist) reflexiv auseinander gesetzt zu haben!

Das 3-Säulen-Modell spannt also unnötig neue Ebenen auf, während es andere sträflich vernachlässigt indem CSR als isoliertes Verantwortungsthema der Unternehmen betrachtet wird. Wenn man hingegen CSR als Unternehmensethik definiert, ist damit logischerweise die Verantwortlichkeit auf der gesellschaftlichen Meso-Ebene gegeben, mit einem starken Komplementär auf der Mikro-Ebene (= Individualethik des Einzelnen) und einer die Makro-Ebene abdeckenden Ordnungsethik, für die letztlich der Nationalstaat verantwortlich zeichnet. Diese Einbettung der Unternehmensethik in eine gesamtheitliche Wirtschaftsethik macht erst die Interdependenzen ersichtlich, und legt den Schluss einer arbeitsteiligen Zuweisung ethischer Anliegen nahe, welche auch die Verantwortung bis hin zum Individuum erkennen lässt. Zudem wird auch die Rolle des Nationalstaates beachtet, womit klar ist, dass sich unternehmensethische Konzepte nicht so einfach unverändert von hier nach da transponieren lassen (ein Umstand, der von einigen Autoren der Artikel im Standard mit grosser Verwunderung bemängelt wird)!

Ich denke, dass vor dem Hintergrund der Finanz- (und, wenn wir uns nur lange genug selbst davon überzeugen, auch Wirtschafts-)krise ein Umdenken in der Wirtschaft stattfinden kann, und die Beschäftigung mit Unternehmensethik nicht mehr zwangsläufig süffisantes Lächeln und verwundertes Kopfschütteln auslösen muss. Jedoch darf weder die oben angesprochene Aufteilung der Verantwortung ignoriert, noch ein Feigenblatt für Unternehmer(innen) im hemmungslosen neoliberalen Kapitalismus generiert werden!

Samstag, 1. November 2008

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN

In meinem letzten Posting habe ich unseren etwas merkwürdigen Gebrauch des Terminus "Verantwortung übernehmen" erwähnt. Man stelle sich folgendes Szenario vor:

Max möchte von A nach B, der direkte Weg dorthin ist allerdings von einem tiefen und breiten Graben unterbrochen. In seiner Ratlosigkeit wendet sich Max an Moritz, der nach eingehender Untersuchung des Grabens der Überzeugung ist, Max sei nach einigen wenigen Übungen (Kniebeugen, Strecksprünge) in der Lage über den Graben zu springen. Wenn Max einen entsprechenden Auftrag für ein Trainingsprogramm unterschreibt, ist Moritz auch bereit, die Verantwortung für das Ergebnis zu übernehmen. Gesagt, getan: Moritz instruiert, Max trainiert und nach wenigen Tagen ist Max bereit für den Sprung. Er nimmt Anlauf, springt exakt am berechneten Punkt weg, spürt wie seine durch die Übungen gestählten Muskeln ihn in ungeahnte Höhen katapultieren, er schwebt förmlich durch die Luft. Zwei Meter vor der gegenüberliegenden Kante reicht die Sprungenergie nicht mehr aus, Max stürzt in den Graben und zieht sich dabei schmerzhafte Frakturen im Bereich der unteren und oberen Extremitäten zu. Etwas benommen liegt Max nun am dunklen Grund des Grabens, von Moritz kann er nur schemenhaft dessen Gestalt am Rand des Abgrunds ausmachen.

Es ist klar, dass Moritz nun die Verantwortung übernehmen muss.

Also dreht sich dieser am Absatz um, mumelt noch etwas über einen subidealen Reibungskoeffizienten an der Absprungstelle, der im Vorhinein unmöglich zu antizipieren war, und geht nach Hause. Auf dem Weg dorthin erreicht ihn ein Anruf von Frau Bolte, die in unmittelbarer Nähe vor einem Graben steht, und gerne von seiner Erfahrung in der Überquerung ebensolcher profitieren würde. Während Moritz zu Frau Bolte eilt, überlegt er sich, dass es vermutlich besser sein wird ihr 300 Strecksprünge aufzutragen, da die 200, die Max vor dem Sprung absolviert hat, offensichtlich knapp nicht gereicht haben.

In einer anderen Geschichte verständigt Moritz nach Max' Absturz sofort ein Bergungs- und Rettungsteam, und teilt Max nach dessen Erstversorgung mit, dass er während der Bergung die Idee gehabt hat, dass man zur Überquerung des Abgrundes auch eine Planke verwenden könnte, so diese ausreichend verstärkt ist. Ausserdem würde er in der Zeit, die Max zur Rehabilitation benötigt, noch andere Expertenmeinungen hinzuziehen, wie bespielsweise die eines Kartografen, der zwar im Grunde nichts von der Überquerung breiter Gräben versteht, aber möglicherweise einen weniger gefährlichen Weg von A nach B kennt.

Aber hierbei handelt es sich wohl um ein Märchen.