Als ich unlängst den "Standard" aufschlage, überrascht mich positiv eine Sonderbeilage über Corporate Social Responsibility (Der Standard, 20081113, S. C1 ff.). Als ich mir die ca. 10 Artikel durchgelesen habe, ist mir auch klar, warum diese in einer Sonderbeilage zusammengefasst sind: Die thematische Verbundenheit wäre ansonsten wohl schwer aufgefallen, so unterschiedlich sind die Aktionen, die unter den drei Buchstaben CSR subsumiert werden. Besonders die Übersetzung ins Deutsche als "Nachhaltigkeit" und das hierzulande damit verbundene 3-Säulen-Modell (http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit_(Drei-Säulen-Modell) will mir nicht so recht gefallen.
Corporate Social Responsibility ist mE. wortwörtlich zu übersetzen, es ist die soziale Verantwortung von Unternehme(r)n, und somit nichts Anderes als Unternehmensethik! Das Nachhaltigkeitskonzept, in dem zur sozialen noch eine ökonomische und eine ökologische Ebene hinzugefügt wird, ist eine unsinnige Erweiterung des grundsätzlichen Themas Ethik um Bereiche, die im Grunde daraus ableitbar sind. Es suggeriert eine Operationalisierbarkeit die nicht vorhanden ist, und erweckt die Vorstellung, dass sich die einzelnen Bereiche unabhängig voneinander realisieren lassen, mehr noch, dass im Sinne von CSR gehandelt werden kann, ohne sich jemals mit seinem eigenen Ethos auseinandergesetzt zu haben (wie angenehm). Ethos ist als "die innere Moral des Menschen, seine Haltung und Einstellung zum ethischen Handeln" (Karmasin, M.; Litschka, M. (2008); Witschaftsethik - Theorien, Strategien, Trends. Berlin) zu definieren - nichts, das angegangen werden kann, ohne sich mit den gesellschaftlich vorhandenen Werten und Normen (deren Gesamtheit die Moral ist) reflexiv auseinander gesetzt zu haben!
Das 3-Säulen-Modell spannt also unnötig neue Ebenen auf, während es andere sträflich vernachlässigt indem CSR als isoliertes Verantwortungsthema der Unternehmen betrachtet wird. Wenn man hingegen CSR als Unternehmensethik definiert, ist damit logischerweise die Verantwortlichkeit auf der gesellschaftlichen Meso-Ebene gegeben, mit einem starken Komplementär auf der Mikro-Ebene (= Individualethik des Einzelnen) und einer die Makro-Ebene abdeckenden Ordnungsethik, für die letztlich der Nationalstaat verantwortlich zeichnet. Diese Einbettung der Unternehmensethik in eine gesamtheitliche Wirtschaftsethik macht erst die Interdependenzen ersichtlich, und legt den Schluss einer arbeitsteiligen Zuweisung ethischer Anliegen nahe, welche auch die Verantwortung bis hin zum Individuum erkennen lässt. Zudem wird auch die Rolle des Nationalstaates beachtet, womit klar ist, dass sich unternehmensethische Konzepte nicht so einfach unverändert von hier nach da transponieren lassen (ein Umstand, der von einigen Autoren der Artikel im Standard mit grosser Verwunderung bemängelt wird)!
Ich denke, dass vor dem Hintergrund der Finanz- (und, wenn wir uns nur lange genug selbst davon überzeugen, auch Wirtschafts-)krise ein Umdenken in der Wirtschaft stattfinden kann, und die Beschäftigung mit Unternehmensethik nicht mehr zwangsläufig süffisantes Lächeln und verwundertes Kopfschütteln auslösen muss. Jedoch darf weder die oben angesprochene Aufteilung der Verantwortung ignoriert, noch ein Feigenblatt für Unternehmer(innen) im hemmungslosen neoliberalen Kapitalismus generiert werden!
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