Kürzlich habe ich wieder mal bei einer Angebotslegung für ein Projekt den Kürzeren gezogen, das ich wirklich gerne gewonnen hätte. Das ist jetzt an sich nichts Ungewöhnliches, schließlich kann man nicht mit jedem Angebot siegreich sein. Allerdings fällt mir in den letzten Jahren die, von Kollegen und Bekannten in ähnlichen Tätigkeitsbereichen bestätigte, negative Tendenz auf, Angebote dadurch zu verlieren, dass man preislich wirklich völlig daneben liegt (bei vergleichbaren Tagsätzen der Anbieter). Woran liegt das? imho ist einer der gewichtigsten Gründe dafür das (bewusste) Vorenthalten von Informationen seitens des Auftraggebers, bei gleichzeitiger Abwälzung eines möglichst großen Anteils des Projektrisikos auf den/die potentiellen Auftragnehmer/in. Die Motive dafür seitens der Auftraggeber sind auf zwei Ebenen zu suchen:
1. Gesellschaftlich betrachtet ist der Wertewandel zum Wettbewerb in allen möglichen und unmöglichen (=sinnvollen und sinnlosen) Situationen evident - wer aus dem Wettbewerb als Sieger(in) hervorgeht ist am besten/schönsten/bedürftigsten/..., das ist in einer Gesellschaft die die Prozessgerechtigkeit huldigt zumindest schlüssig (ob es deswegen gut ist, bleibt der eigenen Beurteilung überlassen). Im Wettbewerb zählen die aufgabenrelevanten Vorteile, das sind in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft oftmals auch Informationen, weshalb das Vorenthalten von Informationen als unglaublich guter Schachzug angesehen wird (vgl. Verhandlungsstrategien aus der Steinzeit). Wer Leute gegeneinander ausspielt, selektiv Informationen weitergibt, die Schwächen anderer ausnützt und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, ist somit nicht etwa ein intrigantes Astloch, sondern ein cleverer Macher oder eine unheimlich toughe Businessfrau.
2. Auf der Ebene des Unternehmens schlägt einerseits die gesellschaftliche Werthaltung durch. Auf der anderen Seite wird in den letzten Jahren immer mehr Verantwortung für das Unternehmer-Risiko nach unten deligiert (dafür gibt es einige Beispiele, auf die ich vielleicht in nachfolgenden Postings noch zurückkommen werde). Nun hat Verantwortung zwei Seiten: eine steuernde und eine Konsequenzen tragende. Ich vertrete die Auffassung, dass der Steuerungs-Anteil mit jedem Schritt der Deligierung verringert wird, bis schlussendlich nur noch der Schwarze Peter übrig bleibt (vgl. dazu den Sprachgebrauch von "dafür muß er/sie jetzt die Verantwortung übernehmen") - was man mit dem macht, ist seit dem Kindergarten bekannt: weitergeben. Nachdem Risiko-Outsourcing aber Geld kostet, wird versucht, das Risiko so zu verpacken, dass es niemandem auffällt. Das geht hervorragend durch das Vorenthalten von wichtigen Informationen (und ausserdem macht es noch einen tollen Kerl aus mir, siehe oben).
Die Quintessenz ist, ich bekomme durch ein solches Handeln Angebote, die eine verschwindend geringe Chance aufweisen, möglichst viel meines Bedarfes mit dem zur Verfügung stehenden Budget abzudecken, aber mit ein bisserl Glück ist ein Anbieter dabei, der das Risiko unterschätzt, oder garnicht bemerkt. Den beauftrage ich dann, bekomme natürlich nicht das, was ich eigentlich wollte, aber dafür habe ich den Schwarzen Peter angebracht. Und das Outsourcen von Risiko kostet eben, aber das sagte ich schon.
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